aus: Die deutsche Bühne - online
 
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Der "Hesperidengarten" in Wenzenbach in der Oberpfalz.
Schweinsbraten mit blauer Blume

von Eva Maria Fischer

Foto: Johannes Adler

Kunst kommt im Hesperidengarten so selbstverständlich, so leicht daher, als sei es keine Kunst, Künstler zu sein. Florale Objekte hängen sogar im Waschraum – wie an anderen stillen Örtchen die Spinnweben. Umgeben vom Bayerischen Wald liegt dieses paradiesisch wachsende Werk, das den Vergleich mit Claude Monets Giverny nicht zu scheuen braucht. Rosenspaliere, Lavendelkissen, rankende Kapuzinerkresse, farbenprächtige Schwertlilien verbreiten einen Duft, der den Blütenhonig vorweg nimmt. Aus dunkelblauen Blechkannen wuchern Kornblumen. Unter Eiche, Kirschbaum und Hollerstaude lagern Menschen, die in Bücher versunken sind oder ins Weißbier. Im Wurzgarten schnabuliert man Wurzelgemüse und Tellerfleisch. Kleine Ferkel galoppieren quiekend vorbei, Gänse schnattern, Lämmer und Pferde grasen seelenruhig oberpfälzische Kräuter. Im größten der Treibhäuser wird Theater gespielt, gesungen und gegessen. Der Regisseur sitzt nicht im Glashaus, sondern agiert und schnabuliert interaktiv.

Joseph Berlinger kommt immer wieder hierher zum Schnaitterhof in Wenzenbach bei Regensburg, um exklusiv für diese Gärtnerei-Gaststätte, die Blumen, Bildung, Kultur und Kulinarisches zusammenbringt, Schauspieler und Naturschauspiele spielerisch zu verbinden. Der Germanist, Autor, Regisseur und Verleger hat sich wie kaum ein anderer um den bairischen Dialekt verdient gemacht, in Theorie und Praxis: Die differenzierteste Definition von "Mundart" stammt von ihm, zwei wissenschaftliche Grundlagenwerke über "Das zeitgenössische deutsche Dialektgedicht" und streitbare Aufsätze in den Zeitschriften Akzente und Schmankerl. Sein Stück "Emerenz und die Reise nach Amerika" hat das Leben und Wirken der Dichterin Emerenz Meier wieder ins Bewusstsein gebracht, und mit seinen Protestgedichten hat sich der gebürtige Lamer ebenso engagiert gezeigt wie mit seinen hintergründigen Inszenierungen. Zuletzt wurde er für seine "Don Juan"-Interpretation mit dem Kulturpreis der Stadt Regensburg ausgezeichnet.

Der sinnliche Theatermacher hat sich beispielsweise der Volkssängerin, Tenorin und unmäßigen Leberkäs-Konsumentin Bally Prell zugewandt, die durch eine Ausstellung in der Monacensia in München und ein CD-Album zu ihrem Gedenken neue Popularität erfuhr. Es wäre nicht Berlinger, wenn diese sensible psychologische Annäherung nicht zugleich kritische Distanz und fast liebevolle Verfremdung mit einschließen würde! Das beginnt schon beim Menü. Sein Bally-Prell-Abend ist eben kein Dining-Event nach US-amerikanischer Manier, sondern Teil einer einfühlsamen Idee, wie man der fatalen, fettleibigen, von der Familie geprägten Figur zu Leibe rücken könnte. "Des is mei Balli, des geb i nimmer her" – der Kosename wurde ihr von ihrem Bruder quasi in die Wiege gelegt, wurde ihr zur Festlegung und Bestimmung. Agnes Prell nahm mehr und mehr zu und den Künstlernamen "Bally" an, verulkte sich zeitlebens selbst. Aus ihrer Vorliebe für deftiges, altbayerisches Essen entwickelt Berlinger eine ausgekochte Programmfolge, durchgängig mit "Ballys": runde Semmeln und Kräuterbutterbällchen, Grießklößchensuppe, Schweinebraten mit Knödelbällen, Eiskugeln. Darüber Streublüten – Viola tricola als die sehnsüchtig-romantische blaue Blume.

Von Beginn an werden die überlieferten scheuen Schrulligkeiten des "Fräulein Prell" hinterfragt, statt als lustige Legenden weggelacht. Im Robiniengarten tastet sich Berlinger mit einer Meinungsumfrage an die stagnierte Familiendynamik und verquere Vater-Tochter-Beziehung im Hause Prell heran: "Wer würde es dulden, wenn sein erwachsenes, 50-jähriges Kind noch in seiner Wohnung leben würde; ich bitte um Handzeichen". Sophie Sowa brummt dabei viel zu tiefe Melodien zu kalauernden Verserln um eine Stubenfliege, die man nicht in der Suppe finden möchte.

Stimmig ist die Dreiteilung der Figur in die Musikantin mit Daniela Huber, in die von Brigitte Weckert entlarvte Komikerin und in die dicke, vermännlichte Hülle für den väterlichen Klamauk. Diese wird eindrucksvoll von Wolfgang Sowa gezeigt, der als Künstlerin Sophie mit weiblicher Identität die Tragikomik der Prell besonders wirkkräftig erscheinen lässt. Die Gassenhauer "Genoveva", "Die g'scheite Nanni" und "Die Schönheitskönigin von Schneizlreuth" werden von deren Darbietung in ihrer ganzen brutalen Dummheit entlarvt. Jene Stimmungslenkung von gerührter Geborgenheit über hämisch-verklemmte Lüsternheit zu chauvinistischen Mitklatschorgien, jene gewalttätige Grundbefindlichkeit pseudo-bayerischer Gemütlichkeit muss das Veilchen im Kartoffelsalat ertränken.

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